[ÖH Blog] »And the award for bestest person in the world goes to…«

April 19, 2018

 

So harmonisch und zivilisiert sieht es nicht immer aus | Foto: Michael Klammer

 

»And the award for bestest person in the world goes to…« begann Ellen DeGeneres, bevor sie eine Pause machte und ernst ins Publikum schaute. Sie bemühte sich, das Kuvert so langsam wie möglich zu öffnen, um Spannung aufzubauen. Ein Schmunzeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht, als Ben Affleck etwas in seinen Bart murmelte, aufstand und ging. Das Publikum jubelte nachdem Hillary Clinton rief, Ellen solle es endlich hinter sich bringen. Der Dalai Lama platzte vor Spannung.

 

"And the award goes to..." wiederholte Ellen, nachdem sie das Kuvert endlich geöffnet hatte und ein kleines rotes Kärtchen in der Hand hielt. Das bisher unruhige Publikum verstummte. »Philip Cal!« Mit Tränen in den Augen stand ich auf, um meinen Award zu empfangen. Doch dann weckte mich ein Klopfen an der Tür.

 

Es war bereits 8:15 Uhr und für gewöhnlich wäre ich um diese Zeit auch schon längst wach gewesen, wenn nicht am Vortag ein Studentenfest im Pub stattgefunden hätte und ich nicht rechtzeitig ins Bett kam. Nicht etwa, weil ich an besagtem Fest teilgenommen hatte, sondern weil sich mein Studentenheimzimmer direkt neben dem Stiegenhaus befindet, wo sich Leute regelmäßig zum Vor-, Nach- und Zwischenglühen versammeln.

 

Noch immer im Halbschlaf nahm ich an, meine Mutter würde gleich mein Zimmer betreten und mich mit sanfter Stimme aus dem Schlaf locken. "Aufstehen mein Schatz. Zeit für die Schule", würde sie flüstern und der Geruch von frischer Eierspeise und angebranntem Toast würde mich sogar dazu bringen, tatsächlich aufzustehen. Dass ich davon ausging, gleich die vorsichtigen Schritte meiner Mutter zu hören, vermieste meine Laune umso mehr, als die Person ins Zimmer stampfte und aus ihrem Mund nur ein lautes ‚Morgen‘ dröhnte, gefolgt von einem erschrockenen, noch lauterem ‚Der schloft jo nu!‘, nachdem sie das Licht angedreht, wieder abgedreht und mich schneller aufgeweckt hatte, als es ein Wecker je hätte schaffen können.

 

Die Reinigungskraft mit meiner Mutter zu verwechseln finde ich persönlich auch nicht so abwegig, da die Angestellten in vieler Hinsicht einen Mutterersatz für mich darstellen. Beide waschen meine Bettwäsche, geben mir ununterbrochen das Gefühl, dass ich ihnen nicht oft genug für ihre Taten danke und beide haben mich schon öfter nackt gesehen, als mir lieb wäre.

Sobald die Reinigungskräfte ins Zimmer kommen, setze ich mir für gewöhnlich die Kopfhörer auf und versuche auszublenden, dass sich andere Leute in meinem Zimmer befinden. Funktionieren tut dies zwar nie, aber man gibt sein Bestes. Interessant wird es jedoch erst, wenn man keine Musik einschaltet, aber trotzdem Kopfhörer trägt. So erfährt man Geschichten über Julian, der gerade Läuse hat, Stefanie, die nicht in den Kindergarten gehen will und wenn man Glück hat, reden sie nicht nur über ihre eigenen Kinder, sondern auch die, deren Mülleimer sie jeden Tag ausleeren müssen. Ich weiß nicht, ob ich wissen will, was sie hinter meinem Rücken über mich sagen.

 

Man soll ja weibliche Reinigungskräfte nicht Putzfrauen nennen, weil es schädliche Stereotypen unterstützt. Aber ist das denn wirklich nötig? Kennt denn irgendjemand eine männliche Reinigungskraft? Will irgendjemand überhaupt eine männliche Reinigungskraft?

Wenn Haushaltsreinigung ein typisch männlicher Beruf wäre, gäbe es bei jeder Toilette wieder eine Schlägerei darüber, wer sie diesmal putzen muss. Putzmänner würden jede leere Bierdose vor dem Wegschmeißen auf potentielle Bierreste überprüfen und wenn sie einen besonders guten Tag hätten, würde sich ihre Arbeitszeit gleichzeitig mit dem Vorglühen kombinieren lassen. Somit könnte Feierabend direkt ins Zwischenglühen übergehen.

 

Wenn es nur männliche Reinigungskräfte gäbe, würde man sie nicht Putzfeen oder Putze nennen, sondern Putzmeister, Raumpfleger und Hygienepatrouille.

Niemand würde sich beschweren, dass der Putzmann einen wieder mal um 8:15 Uhr aufgeweckt hat, sondern loben wie pünktlich und fleißig die Reinheitsbewahrer heute nicht schon wieder waren. Fünfjährige Jungen würden meinen, sie wollen einmal Haushaltshüter werden und man würde singen 'Weiß, Weiß, Weiß sind alle meine Kleider, weil mein Vater Reinigungsmann ist'. Und die Studentenheim Miete wäre höher, weil Putzmänner um 20% mehr verdienen als Putzfrauen.

Wenn ich eine Sache im Zivildienst gelernt habe, dann ist es Respekt jenen Leuten entgegenzubringen, die den ganzen Tag putzen müssen. Ganz zu schweigen davon, dass wenn sich Putzfrauen in einer patriarchalen andersgeschlechtlichen Beziehung befinden, zu Hause wahrscheinlich die doppelte Arbeit leisten müssen.

 

Mir bleibt fern, wie dieser Beruf noch immer als unterste Sprosse der Karriereleiter gesehen werden kann, wenn ich daran denke, dass sie jede Woche mein verschmutztes Bad säubern, die Keksbrösel von meinem Boden saugen, meine Bettwäsche wechseln, die zwar mehr metaphorisch schmutzig, aber dafür genauso voller Brösel ist und mir dabei trotzdem noch einen GUTEN Morgen wünschen. Das braucht mentale Stärke. Vielleicht ist der Begriff ReinigungsKRAFT gar nicht so abwegig.

 

Ein Paradies für alle Plastik-Fans | Foto: Michael Klammer

 

Vielleicht sollten wir, deren Spiegel ohne ihre Dienste zu verdreckt wären, um ordentliche Selfies zumachen, ihnen ein wenig mehr Anerkennung schenken. Vielleicht sollten wir, deren feuerfeste Mülleimer ohne sie mit leeren Koffeintablettenverpackungen und Masturbationstaschentüchern übergingen, unsere Dankbarkeit öfter ausdrücken. Und vielleicht sollten wir bei der nächsten Preisverleihung für „Bestest Person in the World“ Reinigungskräfte nominieren.

 

 

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