[ÖH Blog] Die Busch-WG

March 8, 2018

 

 

 

 

So gemütlich hätte es aussehen können... tat es aber nicht  |  Foto: Daria Shevtsova

 

 

„Zum Zeitpunkt des Zusammenziehens hatte ich inständig gehofft, dass er, mein künftiger Mitbewohner, mit der Sache endgültig abgeschlossen hatte und ich kein potenzielles Ziel seiner erfolglosen Versuche, eine Freundin zu finden, mehr war. Meine Mum war von dessen Gegenteil überzeugt. Dass sie Recht hatte, stellte sich in den nachfolgenden Monaten heraus.“

 

Alle paar Minuten ertönt ein lauter Rülpser aus dem Nachbarzimmer, den ich trotz geschlossener Tür und trotz den in der ganzen Wohnung dröhnenden Kinderliedern hören kann. Ich frage mich jedes Mal, ob dieser Ton denn das Risiko wert ist, die Tastatur mit dem halb verdauten, saftigen Abendessen, das er zu sich genommen hat, zu ruinieren. Aber so genau möchte ich mir das nicht vorstellen, denn alleine schon der Gedanke, dass es jede Minute passieren könnte, verursacht ein Rumoren in meinem Magen.
 Bob der Baumeister ist anscheinend sein Lieblingslied. Die Plätze zwei bis drei belegen Weihnachtslieder. Irgendwie schräg, wenn man bedenkt, dass Weihnachten schon längst vorbei ist. Aber wie ich in den letzten Monaten erfahren musste, ist nichts schräg, wenn von meinem Mitbewohner die Rede ist. Denn dieser ist, um andere zu zitieren, „ein Psychopath“. In den letzten Wochen ist er wahrhaft zu einem Prachtexemplar dieser Gattung mutiert. Was der genaue Auslöser war, ist mir bis heute ein Rätsel. Meine Mum glaubt jedoch, den wahren Grund zu kennen.

 

Sie hatte es schon damals gewusst, sagte sie mir. Sie hatte gewusst, dass etwas mit ihm nicht stimmen konnte, aber ich habe ihre Warnung schlichtweg ignoriert. Denn als ich auf der Suche nach einer Wohnung war, hatte ich vor allem ein Kriterium vor Augen: Miete und Nebenkosten sollen so niedrig wie möglich ausfallen. Schnell ergab sich ein Gespräch mit einem Freund, der ebenfalls auf Wohnungssuche war. Kurz später befanden wir uns zu zweit in einer WG. Wir wussten eine langjährige Freundschaft zu pflegen, die ihre Tiefen und Höhen hatte. Tiefen, weil ich nie an der Erweiterung dieser Freundschaft interessiert war. Und Höhen deswegen, weil ich diejenige war, die versucht hatte, trotz dieser Missverständnisse wieder auf den anderen einzugehen. Zum Zeitpunkt des Zusammenziehens hatte ich inständig gehofft, dass er, mein künftiger Mitbewohner, mit der Sache endgültig abgeschlossen hatte und ich kein potenzielles Ziel seiner erfolglosen Versuche, eine Freundin zu finden, mehr war. Meine Mum war von dessen Gegenteil überzeugt. Dass sie Recht hatte, stellte sich erst in den nachfolgenden Monaten heraus.

 

In den ersten Wochen hatte er versucht, mich herumzukommandieren. Dies erklärte ich mir damit, dass er sein ganzes Leben lang alleine gewohnt hatte. Das Wort WG hatte allem Anschein nach die Bedeutung "Ehe" für ihn. Auch meinen Freund konnte er nur schwer ertragen. Er tat mir richtig leid und deshalb duldete ich sein Verhalten. Ich gab ihm tonnenweise Dating-Tipps, um ihm aus seinem ewigen Single-Dasein rauszuhelfen. Nach einer Weile gingen seine besitzergreifenden Angewohnheiten langsam zurück und ich freute mich auf ein angenehmeres, rücksichtsvolles WG-Leben.

 

Und dann geschah ein Wunder: Er hatte eine Freundin gefunden. Ich freute mich zwar für ihn, doch gleichzeitig befürchtete ich, er könnte sich verändern. Und das tat er auch. Dass er eine Freundin hatte, bedeutete nämlich, dass er sich vor allen anderen Frauen nicht mehr verstellen musste. So lernte ich sein wahres Ich, von dem ich vier Jahre lang keine Ahnung hatte, kennen.

 

Es begann mit Kleinigkeiten: Er hörte auf, sich um den Haushalt zu kümmern, ließ das dreckige Geschirr tagelang auf der Arbeitsplatte und dem Esstisch stehen. Wie nett, dass er sich um die Fruchtfliegen kümmert, lachte ich erst. Aber es wurde nach und nach schlimmer. Er ließ dann nicht nur das dreckige Geschirr in der Küche liegen, sondern auch seinen Müll und büschelweise seiner Haare im Bad und im Vorraum. Zu der Zeit hatte er auch aufgehört, „Hallo“ zu sagen. In meiner Gegenwart brachte er keinen einzigen vernünftigen Satz heraus, dafür aber Rülpser, gefolgt von einem Jaulen, als hätte er sich seine Weichteile eingeklemmt.
Irgendwann lag eine Socke in einem der essensverschmierten Tellern. „Just why?“, fragte ich mich.

Als dann mehr Haare im Bad und Vorraum lagen, als er jemals auf dem Kopf hatte, hielt ich es nicht mehr aus. Auf meine Nachricht, dass er seine grausigen Büsche wegputzen soll, schließlich wohne ich auch in dieser Wohnung, kam die sarkastische Antwort, dass er es vergessen hätte und gerade nicht zu Hause sei. Ok – dachte ich mir. Zeit, diesem Trottel eine Lektion zu erteilen. Ich fegte seinen Busch zusammen und schüttete alles in seine Schuhe, die vor dem Bad herumlagen. Sein Gesicht hätte ich nur zu gerne gesehen, als er dem weichen Polster in seinen Stiefeln auf den Grund gekommen war! Er konnte kaum glauben, was ich getan hatte, schließlich hatte ich davor auf nobler Weise all seine Bemühungen, mich aus der WG zu verscheuchen, ignoriert. Doch meine Geduld hatte auch ihre Grenzen und so respektlos behandelt zu werden ging mir zu weit. Also fing ich an, Gegenmaßnahmen zu unternehmen.

Es half nichts. Er verhielt sich immer merkwürdiger, gab Laute von sich, die man sonst nur in einer Anstalt hört. Das machte mir Angst, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wozu er sonst noch fähig war. Seine neue Freundin wusste nichts von all dem, ihr gegenüber verhielt er sich wie ein normaler Mensch. Ich hätte sie am liebsten aufgeklärt, bevor es zu spät war, aber das ging nicht. Er hatte ihr irgendwelchen Unfug über mich erzählt. Und sie glaubte ihm natürlich alles. Das kann ich ihr nicht übel nehmen, ich hoffe nur sehr, dass sie rechtzeitig merkt, mit wem sie eigentlich zusammen ist. Denn alles an dieser Person deutet auf psychopathische Züge hin. Als ich ihn auf sein gestörtes Verhalten angesprochen habe, meinte er, er wüsste nichts davon.

 

Spätestens seitdem ich den Film Sleep Tight gesehen habe, weiß ich, wozu solche Leute tatsächlich fähig sein können. Deshalb war ich unglaublich froh und erleichtert, als ich endlich eine andere Wohnung gefunden hatte. Keine dröhnenden Kinderlieder aus zwei Google Home Lautsprechern in der Wohnung, keine Haare unsicherer Herkunft im Bad, kein dreckiges Geschirr in der Küche. Keine unnötige Energieverschwendung durch überall angelassene Lichter und unnötig hoch aufgedrehte Heizkörper. Keine ekligen Rülpser oder andere Körpergase, die ihm laut entrannen. Ich bin einfach nur froh, nicht mehr dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen.

 

Ab und zu wünsche ich mir, ich könnte diese Bekanntschaft mit seinem wahren Ich rückgängig machen. Aber wie das im Leben so ist, hat man selten Einfluss darauf, was passiert. Menschen verstellen sich, um besser dazustehen. Sie täuschen etwas vor, um von anderen akzeptiert zu werden. Und dann kann es leicht passieren, dass man jemanden jahrelang falsch einschätzt. Was mir widerfahren ist, mag höchstwahrscheinlich die Ausnahme sein. Eine Sache hat es jedoch bestätigt: Erst beim Wohnen lernt man sich wirklich kennen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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